VEB Schlepperwerk Nordhausen

Im Jahr 1948 entstand das Schlepperwerk aus den recht geringen Resten der weitgehend demontierten Maschinenbau & Bahnbedarfs AG – vormals Orenstein & Koppel. Diese Aktiengesellschaft hatte, wie die ebenfalls in Nordhausen beheimatete Normag AG eine lange Tradition im Motoren- und Traktorenbau.

RS 01 "Pionier" beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 01 „Pionier“ beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

Der RS 01/40 -1 „Pionier“

Auf Grundlage einer Entwicklung der FAMO, einer Tochter der Junkers-Werke in Schlesien, wurde in dem im Aufbau befindlichen Traktorenwerk Schönebeck der RS 01 überarbeitet. Da das Werk in Schönebeck zunächst noch nicht arbeitsfähig war, wurden die ersten 2605 Exemplare ab 1949 im „VEB Horch“ in Zwickau hergestellt. Der Vierzylinder-Dieselmotor mit Vorkammer-Einspritzung des robusten Ackerschleppers erzielte aus dem rund 5 Liter Hubraum 40 PS Leistung. Im Jahr 1950 wurde die Produktion in das Schlepperwerk Nordhausen verlegt und der Traktor in mehr als 20.000 weiteren Exemplaren gebaut. Bald wurde der Druckluft-Starter durch einen elektrischen Anlasser ersetzt. Von 1953 bis 1956 hatte der Motor dann 42 PS. Bis 1958 wurde der modellgepflegte RS 01/40 II „Harz“ noch in 2175 Exemplaren  hergestellt.

RS 01/40-II Typ „Harz“ im IFA-Museum Nordhausen

RS 01/40-II Typ „Harz“ Detail Motor links

RS 02/22 „Brockenhexe“ beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 02/22 „Brockenhexe“ 

Schon im Jahr 1949 startete in Nordhausen die Produktion der „Brockenhexe“, welche die Tradition des Traktorenbaus der Normag AG und von Orenstein & Koppel – ebenfalls aus Nordhausen fortsetzte. Während die runde Haube an die letzten Vorkriegsmodelle von O&K erinnerte, leitete sich der Antrieb im wesentlichen vom Typ NG 10 der Normag AG ab, der von 1940 bis 1942 in Nordhausen gefertigt wurde. Das Getriebe konnte nun aber nicht mehr von ZF geliefert werden, sondern wurde mit einigen Abänderungen vor Ort gefertigt. Für den Motor F2M, der bis 1942 von Deutz bezogen worden war, wurde eine Lizenz zur Fertigung in Nordhausen erworben. Der Zweizylinder-Wirbelkammer-Diesel entwickelt aus 2,2 Litern Hubraum 22 PS Leistung bei 1500 U/min. 

RS 04 mit Mähbalken 

Von 1949 bis 1952 wurden 1935 Stück des kleinen Traktors gebaut.

RS 03/30 ⇒  VEB Brandenburger Traktorenwerk

RS 04/30

Der Motor geht auf eine Konstruktion der VOMAG Plauen zurück. Der Zweizylinder-Vorkammer-Diesel schöpft 30 PS aus etwa 3 Litern Hubraum. Man kann sich den Motor als halben H 3-A-Motor mit gedrosselter Drehzahl vorstellen. Der Traktor hat 5 Vorwärtsgänge, Rückwärtsgang und Vorgelege (Kriechgänge), eine geschwindigkeitsabhängige Zapfwelle hinten und eine drehzahlabhängige Zapfwelle vorn, sowie einen hydraulischen Kraftheber. Von diesem Typ wurden in den Jahren 1953 bis 1956 genau 7574 Exemplare gebaut.

 

RS 04 der Mähbalken wird von der Motorzapfwelle angetrieben. Oldtimertreffen in Ammelshain 2018

RS 04 beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 04 beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

Famulus RS 14/36L mit Mähbalken beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

 Famulus RS 14/36L mit Mähbalken beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 14/30L und RS 14/36L „Famulus“

Der RS 14 war der Nachfolger des RS 04 und bekam zunächst den Namen Favorit. Das es zu Namensstreitigkeiten kam, wurde der Typ Famulus genannt, was im Latein Diener oder Knecht bedeutet. Von Anfang an konnte man den Radschlepper mit verschiedene Motoren ordern. Zu den ersten Ausführungen gehörte 1956 neben den vom RS 04 übernommenen wassergekühlten Vorkammer-Diesel mit 30 PS ein luftgekühlter Zweizylinder-Diesel mit zunächst 30 PS. Bald wurde die Leistung des luftgekühlten Motors auf 36 PS gesteigert. Das Getriebe hat 5 Gänge mit Vorgelege, also 10 Vorwärts und zwei Rückwärtsgänge, Zapfwellen hinten und vorn, Druckluftanlage für druckluftgebremste Anhänger, sowie einen hydraulischen Dreipunkt-Kraftheber.

 Famulus RS 14/36L Detail luftgekühlter Motor auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

 Famulus RS 14/36L Detail luftgekühlter Motor auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 14/36 beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 14/36L beim Bulldog- Dampf- und Diesel-Treffen auf dem AGRA-Gelände Markkleeberg 2017

RS 14/40W beim Oldtimertreffen in Elstertrebnitz, 2019

RS 14/46W und RS 14/40W „Famulus“

Der Erfolg der Maschinen-Ausleih-Stationen und die Gründungen von immer mehr landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) erhöhte die Nachfrage nach größeren Traktoren, da durch die Zusammenlegungen die Schläge immer größer wurden. So erhöhte man die Leistung des im Wirbelkammer-Verfahren arbeiteten wassergekühlten Zweizylinders durch Drehzahlerhöhung auf 46 PS, womit, wie beim Belarus, ein Dreischaar-Wendepflug gezogen werden konnte. Die Motoren waren aber dadurch weniger standfest, so das die Leistung wieder auf 40 PS gesenkt wurde. Die wassergekühlten „Famulus“ waren auch mit Allradantrieb lieferbar. Insgesamt wurden bis 1965 in Nordhausen 45.431 Traktoren der Famulus-Reihe  hergestellt.

RS 14/40W Detail wassergekühlter Motor

RS 14/40W beim Oldtimertreffen in Elstertrebnitz, 2019

Prototypen

Mit der Konstruktion eines leichten Traktors sollte der befürchteten zunehmenden Bodenverdichtung entgegengewirkt werden. Chefkonstrukteur Werner Hausmann entwickelte in Anlehnung an den RS 14 einen Traktor, bei dem die typischerweise schwersten Teile eines Traktors; Getriebe- und Motorgehäuse aus Aluminium gefertigt wurden. Desweiteren hatte der Alu-Traktor eine Regeleinrichtung für den Reifendruck und Einzelteleskopfederung Patent Hausmann an der Vorderachse .

Hausmann-Alu-Traktor RT 310 im IFA-Museum Nordhausen

Tunnelmotor und Getriebegehäuse aus Aluminium

Modell des Famulus 60 im IFA-Museum Nordhausen

Modell Famulus 60, der auch als RT 330 bezeichnet wurde.

Schon 1960 war die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR weitgehend abgeschlossen. Wissenschaftliche Anleitung und umfassende Mechanisierung erhöhten die Produktivität (beispielsweise im Gegensatz zu Polen) spürbar. Eine große Nachfrage nach größeren Traktoren war die Folge. Ungewöhnlich für die Planwirtschaft war ein nun beginnender Wettkampf zwischen dem Traktorenwerk Nordhausen und dem Werk in Schönebeck. Die Prototypen des nordhausener RT 330 (Famulus 60) und des schönebecker ZT 300 lieferten sich beim Wettpflügen im Oderbruch ein hartes Kräftemessen auch mit dem ungarischen D4K. Schließlich versprach der ZT 300 das größere Potential. Für die engagierten Traktorenbauer in Thüringen war es ein harter Schlag.

Das Ende der Traktoren-Produktion

Die Entscheidung hatte jedoch weitere Hintergründe. Im Jahr 1964 wurde die Fertigung des LKW W 50, dessen Entwicklung in Werdau erfolgte, nach Ludwigsfelde verlegt. Dessen Antrieb, der EM 4, sollte auch den ZT 300 und diverse andere Land- und Baumaschinen antreiben. In Nordhausen sollte deshalb eine leistungsfähige Großserienfertigung des „Einheitsmotors“ auf die Beine gestellt werden. Menschlich einigermaßen abgründig war jedoch eine Art regelrechter „Inquisition“ der nordhäuser Leitungskader und Ingenieure vor dem Disziplinarausschuß des Volkswirtschaftsrates. Unnötigerweise sollte offenbar den 2200 Traktorenbauern gegenüber die Schuld den eigenen Leitern und Konstrukteuren zugeschoben werden. Dabei erfolgten die Entscheidungen im Kombinat. Bekanntlich wurde auch die Produktion der beliebten ludwigsfelder Motorroller, des P 240 „Sachsenring“, der leistungsfähigen Geländewagen P3 und der LKW H6 und G  5 bzw. ihrer potentiellen Nachfolger ersatzlos gestrichen.

Das VEB Motorenwerk Nordhausen

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Quellen: Steinmetz, W., Heber, A., Geiger, W.; IFA Nordhausen – 100 Jahre Geschichte. Sonderedition des IFA-Museum Nordhausen e.V.