Schreiben der ADMV-Bezirksleitung an den VEB Maschinen- und Materialreserven

Vertrag des VEB Maschinenbauhandel über die Lieferung eines Busses

Die Saison 1989 war außergewöhnlich arbeits- und ereignisreich. Wir beabsichtigten einen Renntransporter aufzubauen. Dazu benötigten wir einen ausgewachsenen Reisebus. So etwas durften Privatpersonen in der DDR nicht besitzen. „Transportraum“ wurde bewirtschaftet, doch es gab Mittel und Wege. Schon irgendwann im Sommer hatten wir ein erstes Angebot vom VEB Maschinen und Materialreserven und bekamen von den zuständigen Behörden als Team des MC Leipzig die begehrte Transportraum-Freigabe. Wir fuhren zum VEB Kraftverkehr Delitzsch und mussten zusehen, wie der wunderschöne Ikarus 260 vor unseren Augen mit dem Schneidbrenner zerschnitten wurde. Transportraumfreigabe hin- oder her, die Delitzscher brauchten die Aggregate als Ersatzteile, um den Berufs- und Nahverkehr sicherstellen zu können. Verärgert zogen wir wieder ab, hatten aber einige Wochen später ein Angebot für einen Skoda RTO, der sich im Besitz der LPG Dömitz im Drömling und im Grenz-Sperrgebiet befand. Nach einem Gespräch mit dem LPG-Vorsitzenden, fuhren wir kurzerhand hin. Kurz vor dem Ort passierten wir einen geöffneten Schlagbaum und ein leeres Schilderhäuschen. Wenig später wurden wir von einem tollkühn auf einer Schwalbe daherbrausenden Polizisten gestellt und als Grenzverletzer verhaftet. Wir wurden zum Standortsitz der Grenztruppen eskortiert und etwa zwei Stunden lang verhört. Dann traf endlich der LPG-Vorsitzende ein und klärte den Sachverhalt auf. Wir mussten jeder eine Strafe von zehn Mark wegen Verletzung der Staatsgrenze bezahlen. Der Bus war ok. Die Abwicklung des Kaufes würde aber noch Monate in Anspruch nehmen. Rückblickend finde ich es bemerkenswert, wie sehr Fritz Rittmann und die Verantwortlichen des ADMV uns unterstützt und uns vertraut haben. Das sagt meines Erachtens auch viel darüber aus, welchen Stellenwert der Motorsport damals in der Gesellschaft der DDR hatte.

Meinen Jahresurlaub verbrachte ich im Kreiskrankenhaus Haldensleben. Es gab im Arbeitsgesetzbuch der DDR einen Passus, der Arbeit in der Freizeit regelte. Heute sind die Feierabendbrigaden, wie sie im Volksmund hießen, in Vergessenheit geraten. In diesem Rahmen sollten von Mitarbeitern der Firma Hoffmann eine zentrale Gasversorgungsanlage für Sauerstoff, Lachgas, Druckluft und Vakuum installiert werden – einschließlich der Verrohrung des gesamten Hauses. Da kein anderer Kollege ebenfalls seinen Urlaub opfern wollte, musste ich die Arbeit allein bewerkstelligen, was eigentlich unmöglich war. Ich schaffte es aber doch – als eine Art Turbo-EinMann-Feierabendbrigade. Wegen der Plausibilität mussten die Arbeitsstunden aber „papiermäßig“auf die halbe Belegschaft der Firma verteilt werden. Mein Urlaub war finanziell recht erfolgreich verlaufen. 

Auch in diesem Jahr weilte ich einige Zeit beim ZIS Berlin, wo ich diesmal die Prüfung  RII b ablegte. Ich war nun berechtigt und in der Lage „röntgensicher“ Hochdruckgasleitungen beispielsweise für Acetylen zu verschweißen. An den Nachmittagen besuchte ich Rennsportler im berliner Raum. Bei Uwe Brückner in Groß-Glienicke tat sich plötzlich eine unerwartete Möglichkeit auf. Ich konnte einen Rahmen und viele Teile für den begehrten MT 77 erwerben – eine unglaubliche Fügung.

Startaufstellung Formel E 1300 LK II in Frohburg 1989, 23 Frank Schierig, 56 Horst Hauser,  Foto: Henry Schöne, Leipzig

Der Autor an der „LPG-Schikane“ in Frohburg 1989

Das Team noch in bester Stimmung in Frohburg 1989

Auf dem Frohburger Dreieck ohne vierten Gang

Zum HTS gehörten zwei Getriebe und ein schmucker Holzkasten mit vielen Zahnrädern. Während des Trainings glaubte ich, durch eine geringfügige Änderung des Übersetzungsverhältnisses des vierten Ganges vielleicht noch ein paar Zehntel holen zu können. Ich baute eine andere Übersetzung ein. Beim Training fuhr ich einmal in den Windschatten des Renners von Arthur Röhlich, um zum Überholen anzusetzen. In diesem Moment flog bei ihm der Deckel vom Kühlwasser-Ausgleichbehälter weg und einige Zentimeter an mir vorbei. Ein bis zwei Liter fast kochenden Kühlwassers  trafen mich aber und verursachten mir einen heißen Hals.

Der Start des Rennens war turbulent. Einige kamen gut weg, ich etwas weniger gut. In der langgezogenen Kurve vom Start hinauf zum Steinbruch kollidieren Horst Hauser und Frank Schierig. Das linke Hinterrad des schwarzen Wagens mit der Praktika-Werbung wurde samt Achskörper und Antriebswelle abgerissen und flog in Kopfhöhe links an mir vorbei. Verwundert stellte ich fest, dass es die trudelnde Antriebswelle nicht wie erwartet gegen den Heckflügel gekracht war. Hauser rutschte noch etwa 300 Meter weit, das Fahrerfeld fädelte sich ein. Ich hatte echt Glück gehabt. Das Rennen verlief dann zunächst sehr gut. Ich arbeitete mich wieder Platz für Platz nach vorn, dann ging der vierte Gang nicht mehr rein. Ich musste die letzten Runden zum großen Teil im Dritten fahren. Besonders auf der langen Bergab-Geraden von der Jugend- zur Wolfskurve zogen jede Runde mindestens zwei Fahrer wieder an mir vorbei. Ich war sehr erstaunt, trotzdem 15. geblieben und nicht letzter geworden zu sein. Mit funktionierenden Getriebe wäre ich viele Plätze weiter vorn gelandet. 

Da war es wieder mein Problem: die Lust am „Querfahren“, Stadtkurve Frohburg 1989

Meine „Driftsucht“ hat die Strohballen der Stadtkurve in Unordnung gebracht

Im Oktober 1989 verkaufte ich den HTS mit allem Zubehör und dem Eigenbau-Anhänger. Mit dem MT war ich auch schon etwas vorangekommen. Durch einen Mitarbeiter unserer Firma hatte ich Kontakt zu einer Firma in Plagwitz, die Aluminium verarbeitete. Ich hatte nun Zugang zu Material der richtigen Stärke, Härte bzw. Legierung. Mit diesem Material konnte Lothar Thomas in Radeburg acht Felgen herstellen. Interessant war seine aus einer, wenn ich mich richtige entsinne, großen Weipert- Drehbank, wie wir sie auch in der Firma hatten, abgeleitete „Metalldrückmaschine“. Bei einer befreundeten privaten Wartburg-Werkstatt konnte ich einige Wartburg 312-Getriebe und passende Antriebswellen bekommen und über Heiko Peter an die Firma Melkus zum Umarbeiten übergeben lassen. Eine B1000- Ladung weiteren Aluminiums schaffte ich zu Nils-Holger Wilms, der daraus geschweißte Achskörper fertigen wollte. Auch auf Arbeit hatte ich extrem zu tun. Eine große zentrale Gasversorgungsanlage im Klinikum Berlin-Buch musste fertiggestellt und übergeben werden. An einem Montag auf dem HInweg sah ich Militärfahrzeuge nach Leipzig fahren. Einige Wochen später fuhr ich auf dem Rückweg nach der Übergabe der Anlage quer durch Westberlin. Oft sahen wir erst bei der Aktuellen Kamera, dann einige MInuten später bei der Tagesschau, wie sich die Ereignisse überschlugen. Alles würde nun richtig gut werden – nichts schien mehr unmöglich.

In dieser „Traumzeit“, den wohl ereignisreichsten Wochen überhaupt, konnten wir nun auch endlich den Bus abholen. Ich bezahlte ihn jedoch allein. Henry Büttner machte nicht mehr mit. Ich flexste das rundliche Heck ab und machte an das ohnehin nicht kurze Fahrzeug noch einen Meter dran. Zunächst wurde aber mit Hochdruck am Umbau des Stalls zu Werkstatt und Wohnung gearbeitet. Der Bauernhof, den ich 1987 als geplante Motorsportwerkstatt, für welche Sportart auch immer, gekauft hatte, beherbergte nun eine sich rasch entwickelnde Firma, die Gasversorgungsanlagen herstellte. Als Subunternehmer für Air Liquide vor allem aber Rheingas transportierte ich bald tausende Gastanks und errichtete auch viele Propananlagen. Anfang des Jahres 1990 war noch nicht abzusehen, dass ich die nächsten Jahre keine Zeit mehr und einige Jahre später auch kein Geld mehr, zu aktuellem Motorsport, zumindest in beachteten Disziplinen, haben würde. Im Frühjahr erwarb ich noch einen HTS-Rennwagen von Peter Saupe. Ich hatte die Idee, dass ich bis zur Fertigstellung des MT damit zumindest in Übung bleiben könnte. Aber selbst dazu kam es nicht mehr. Den Bus hat ab 1990 Heiko Peter als Renntransporter genutzt. Den zweiten HTS baute Lutz Heinicke wieder in den Zustand zurück, den er bei seinen ersten Starts hatte. Er ist als historisches Rennfahrzeug erhalten geblieben.

Skoda-Bus Umbau. Das Foto stammt leider von einem fehlbelichteten Film.

Mein zweiter HTS hier noch im Besitz und pilotiert von Henry Gräf beim Rödertalrennen 1989

Das Bauernhaus Anfang der achtziger Jahre

Ein Teil meines Fuhrparks neben dem Bauernhaus 1991

Mit Axt und Sense begehbar gemacht: Hof vor Stallgebäude-Ruine 1987

Statt an grazilen Rennwagen schraubte und schweißte ich 1993 an gröberen Gerät.

Die Zertrümmerung des Wasserbeckens der Kuhtränke mit einem Vorschlaghammer 1990

Blick auf die gleiche Raumecke des ehemaligen Heubodens im Jahr 1992

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