Ökologische Vorgeschichte

Lange Zeit spielte nachfolgende Betrachtungsweise absolut keine Rolle. Sie erschien den meisten Menschen als zu absurd. Doch ähnlich wie die Erfindung der Dampfmaschine, war auch das Zweirad ein Ergebnis, das aus einer ökologischen Katastrophe heraus erfunden wurde. Die Dampfmaschine wurde notwendig, nachdem es in England fast keine Bäume mehr gab. Sie glauben das nicht? Recherchieren Sie! Nach dem Fehlen von Bau- und Brennholz waren bald die leicht abzubauenden Kohle-Vorkommen ausgebeutet. Nun musste man immer tiefer in die Erde gehen. Dazu musste Wasser abgepumpt werden. Die ersten Hunderte Dampfmaschinen wurden nur zu diesem Zweck produziert und installiert. Im Jahr 1815 explodierte auf der fernen Insel Sumbawa der gewaltige Vulkan Tambora. Auf dieser Insel, die heute zu Indonesien gehört, starb ein großer Teil der Einwohner. Die enorme Masse von Staubteilchen, die in die Atmosphäre geschleudert wurden ließen die Temperaturen weltweit sinken. In Europa kam es zum „Jahr ohne Sommer“. Mißernten ließen allein in Bayern über 100.000 Menschen verhungern. Ein großer Teil der europäischen Pferde starb, weil das Getreide zuerst für die Menschen benötigt wurde. Das „Hauptbeförderungsmittel Pferd“ war, wenn überhaupt, nur noch sehr eingeschränkt verfügbar. M.E. kann man die Erfindung des Laufrades im Jahr 1817 durch Karl von Drais deshalb durchaus als „in der Not geboren“ bezeichnen. Ein Jahr später wurde ihm dafür das Patent ausgestellt

Draisine in der Ausstellung des Industriemuseum Chemnitz

„Velocipede Michaux“ von 1869 im Technischen Museum Wien

Michaux-Perreaux-Dampfrad von 1868

Hochräder aus den 70ger und 80ger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Ausstellung des Industriemuseum Chemnitz

Wahrscheinlich waren Pierre Michaux und sein Sohn Ernest Erfinder des Pedalantriebs beim Fahrrad, als sie im Jahr 1861 eine alte Draisine eines Pariser Hutfabrikanten reparierten und mit Pedalen austatteten, die sie vom Antrieb von Schleifsteinen kannten. Michaux führte auf der Weltausstellung in Paris 1867 zwei dieser Fahrräder vor und erregte damit Aufsehen. Das war jene Ausstellung, wo auch die Motoren von Otto & Langen, wie auch von Lenoir Medaillen erhielten. Schon ein Jahr später baute Michaux mit Louis-Guillaume Perreaux das erste Dampfrad. Der kleine mit Spiritus beheizte Kessel trieb eine Dampfmaschine mit ca. 50ccm Hubraum und 1 bis 2 PS leistung an, mit der das Rad eine Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern erreichte. Das Rad fuhr problemlos von Paris nach St. Germain. Die große Hitzeeinwirkung des Kessels unter dem Sattel verhinderten aber einen größeren Erfolg. Dieser wirkliche „Feuerstuhl“ blieb so ein Einzelstück und ist im Musée de l’Île de France ausgestellt. Im selben Jahr baute Sylvester H. Roper in Massachusets basierend auf einem Fahrgestell von Michaux ein erstes Dampfrad. Ein weiteres von Lucius Copeland 1884 entwickeltes Dampfrad vergrößerte den Abstand zwischen Gesäß und Wärmequelle, wie auch die Leistung der Dampfmaschine, erheblich. Mit dem mitgeführtem Wasser konnte etwa eine Stunde lang gefahren werden. Das heiße Eisen mit etwa 4 PS ist in der Ausstellung „Art of the Motorcycle“ in Memphis zu bestaunen. Nur ein Jahr später gab es schon den Reitwagen von Daimler. Roper in den USA baute im Jahr 1894 ein weiteres verbessertes Dampfrad, mit dem er 1896 in Boston mit 64 km/h einen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. Bei einem weiteren Rekordversuch explodierte das Fahrzeug und Roper fand so bei einem der ersten Motorradunfälle den Tod. Die ersten muskelgetriebenen Hochräder mit Stahlspeichen gab es ab 1871. Fahrräder, wie wir sie heute überall sehen, d.h. Sicherheitsniederräder mit Kettenantrieb auf das Hinterrad gibt es seit 1884. Diese englischen Rover-Räder von John Kemp Starley wurde schon bald von Gustav Hiller (Phänomen-Werke) exclusiv vertrieben und ab 1891 in Zittau selbst produziert. Dampfräder gab es also eher als die uns heute bekannten muskelgetriebenen Räder mit Antriebskette.

Dampfrad von Copeland, zeitgenössische Fotographie

Erfinder Roper starb bei der  Explosion seines Dampfrades

Ein erstes Dampfrad bauten auch Heinrich und Wilhelm Hildebrand im Jahr 1889. Dieses war aber kein Erfolg. Ein einzelnes weiterentwickeltes Dampfrad konnte 1893 nach Paris verkauft werden. 1892 beauftrage Wilhelm Hildebrand den Konstrukteur Alois Wolfmüller in Landsberg damit, ein Rad mit Benzinmotor zu entwickeln. Wolfmüller hatte schon für Benz und Dürkopp gearbeitet. Ein erster Prototyp hatten noch einen Motor mit Zweitaktverfahren. Bei Versuchen mit dem ersten Motor schlug ein herausfliegender Kolben dem Mechaniker Johann Strömel einen Arm ab. Im Januar 1894 gab es erste Probeläufe mit dem Zweizylinder, der nun im Viertakt-Verfahren arbeitete. Die Kolben trieben, ähnlich wie bei einer Dampflok direkt das Hinterrad an. Dabei wurden die Pleuel mit Gummibändern zurückgezogen. So gesehen hat dieser Motor tatsächlich eine Art „Kolbenrückzugsfeder“, über die wir früher als Lehrlinge so gelacht haben. Dem Motor fehlte jede Schwungmasse und oft reichte der Schwung nicht über den Totpunkt hinaus. Bei den ersten Versuchen fuhren die Maschinen oft rückwärts. Neben der Klotzbremse am Vorderrad hatte die Maschinen noch einen Sporn, der wie ein Anker nach unten ausgefahren werden konnte, um im Boden Halt zu suchen. Trotz aller Unzulänglichkeiten wurde die Produktion im März 1894 in München aufgenommen. Es ist nicht genau bekannt, wieviele Motorräder dieses Typs gebaut wurden. Schätzungen geben Zahlen zwischen 350 und 2000 Stück an. Die Hildebrand & Wolfmüller ist aber das erste in Serie gebaute Motorrad und das erste, das auch als solches bezeichnet wurde. Als erstes Motorrad wird aber in der Literatur der Reitwagen von Daimler trotz der Stützrädchen angesehen. Daimler hat ihn aber nur als Versuchsfahrzeug für seinen Viertaktmotor betrachtet. Heutzutage fast vergessen ist das geniale Motorrad mit Umlaufmotor von Felix Theodore Millet, das er 1892 erfand und bei Darracq bauen ließ. Das Fahrzeug mit Fünfzylinder-Sternmotor im Hinterrad nahm auch am 11. Juni 1895 beim Automobilrennen Paris-Bordeaux-Paris teil, fiel aber aus. Schon 1888 hatte er  ein ähnliches Gefährt gebaut, das seinen Umlaufmotor im Vorderrad hatte.

Ein echter Pionier war Edward Butler. Nachdem er im Jahr 1884 Zeichnungen und Entwürfe vorgestellt hatte,  zeigte er 1885 ein Modell des Petrol-Cycle der Öffentlichkeit. Das Motordreirad wurde 1887 patentiert. Die beiden Zylinder arbeiteten nach dem Zweitaktverfahren Dugald Clerks und trieben über Schubstangen direkt das einzelne Hinterrad an. Es gibt dadurch eine deutliche Parallele zum ersten Zweitakt-Prototyp Wolfmüllers. Über zwei Hebel wurde die Vorderachse gelenkt. Das Petrol-Cycle von Edward Butler erschien also fast zehn Jahre vor der „Höllenmaschine“ von Hildebrand & Wolfmüller.

Hildebrand & Wolfmüller im „PS-Speicher“ Einbeck

Daimler Reitwagen, Baujahr 1885

Das Petrol-Cycle von Butler 1885, zeitgenössische Fotographie

Motorrad mit Umlaufmotor von Millet 1892, zeitgenössische Graphik

Dreirad Mathieu/De-Dion-Bouton, Bj. 1897 – 1904

Dreirad Mathieu/De-Dion-Bouton, Detail Motor 1,5 PS

Bei all den vielen Defekten, Reifenpannen und anderen Unbill erster Biker war ein Dreirad erst einmal ein günstiger Kompromiss. Das De Dion-Bouton Dreirad war einfach zu fahren, leichter und preiswerter zu unterhalten als jedes Automobil. Der Erfolg war so gesehen kein Zufall. Von 1895 bis 1901 wurden 14.000 davon verkauft.

mehr: erste „richtige“ Motorräder von 1897 bis 1918

https://de.wikipedia.org/wiki/Millet                                                                                                                                                      Porazik, Juraj, Motorräder aus den Jahren 1885 bis 1940, Slovart, 1983