Im Jahr 1905 gründete der Besitzer eines Schachtbauunternehmens August König mit dem Rittergutsbesitzer Albert Gerlach eine Firma zur Herstellung von Bergbaugeräten und Rohölmotoren. Diese Firma Gerlach & König wurde 1907 in Maschinenfabrik Montania umbenannt. Die Belegschaft wuchs bis 1912 schon auf 400 Mitarbeiter an. Neben Motoren und Bergbaugeräten stellte man Lokomotiven für Gruben- und Feldbahnen her. Die ersten Motoren für diese Lokomotiven waren liegende Einzylinder-Ottomotoren mit Abreißzündung und Verdampfungskühlung. Die Motoren konnten mit Benzol, Spiritus, Benzin oder Petroleum betrieben werden. Die verschiedenen Brennstoffe verlangten eine spezifischer Verdichtung. Das Verdichtungsverhältnis konnte durch verschieden lange Kolben und Zwischenplatten an der offen liegenden Pleuelstange eingestellt werden.

Motorlokomotive L 308. Ihr Einzylindermotor leistet 40 PS bei 300 U/min

Schwungrad L 308: Der Motor mit 380 mm Hub und 260 mm Bohrung wurde angekurbelt.

Motor L 308 Vergaßerseite im IFA-Museum Nordhausen

Zündmagnet und Fliehkraftregler der L 308

Orenstein & Koppel AG Nordhausen

Im Jahr 1912 wurde die Montania von der Fa. Orenstein & Koppel übernommen. Von 1912 bis 1916 wurden sparsame Zweitakt-Glühkopfmotoren hergestellt, die mit Rohöl, Schweröl oder Rückständen aus der Erdöldestillation wie Rohnaphta, oder Parafinöl aber auch Steinkohlen-Teeröl betrieben werden konnten. Es gab liegende sowie stehende Ein- und Zweizylinder von 4 bis 100 PS Leistung zum Antrieb von Stromerzeugern, Maschinen über Transmission, als Schiffsantrieb und vieles mehr. Die größten Motoren wogen elf Tonnen. Im Ersten Weltkrieg wurden neben Lokomotiven und Knorr-Bremsen auch Rüstungsgüter, wie Artillerie-Radnaben hergestellt. Das Werk war voll ausgelastet. Nach dem Krieg kamen stehende Ein- Zwei- und Vierzylinder-Ottomotoren für Loks dazu. Doch in den zwanziger Jahren kam es auch zu Kurzarbeit und zeitweiliger Betriebsstilllegung. Die Produktion der großen Glühkopfmotoren wurde ab 1922 von den Nordhäuser Firmen Gerlach Werke AG und Hans Winkler GmbH übernommen. Ab 1928 wurden ganz verschiedene Viertakt-Dieselmotoren für Gruben- Feldbahn- und Rangierlokomotiven gebaut.

Sparsamer Zweitakter; „Nordhäuser“ Motor ohne Zylinderkopf

liegender Einzylinder-Viertakt-Dieselmotor LD2

Gruben Diesel-Lokomotive mit Einzylinder-Rohölmotor RL1a im IFA-Museum Nordhausen

Rohölmotor RL1a

Montania bzw. O & K Nordhausen lieferte von 1907 bis 1942 etwa 11.000 Lokomotiven in die ganze Welt. Es wurden in diesem Zeitraum ca. 3000 4-Takt-Ottomotoren für Lokomotiven, etwa 1000 Zweitakt-Glühkopfmotoren und 12.300 Viertakt-Dieselmotoren für Lokomotiven gebaut.

Maschinenbau und Bahnbedarf AG (MBA)

Die Firma O & K wurde 1935 arisiert, d.h. die Firmeninhaber wurden wegen ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer Ethnie im Zuge einer der ekelhaftesten Genozide der Menschheitsgeschichte durch die nun herrschenden Nazis zwangs-enteignet.

Wegen der Exportlastigkeit des Absatzes behielt man aber zunächst den Namen O & K bei, um die große Zahl der Auslandskunden nicht zu verschrecken. Im Jahr 1937 kam dann in neues Marktsegment hinzu; die Produktion von zwei Typen von „Bauernschlepper“ genannten Traktoren. Vom Jahr 1939 an wurde die Produktion stufenweise auf Rüstungsproduktion umgestellt. Ab 1943 wurde nur noch für den Krieg gearbeitet und vor allem Zwölfzylinder-Maybach-Panzermotoren hergestellt. Doch ein paar Kilometer weiter lief noch eine viel gewaltigere Produktion an. Am 11. April 1945 übernahmen die amerikanischen Streitkräfte 110 Stück V2-(A4) Raketen, die hauptsächlich von Zwangsarbeitern im „Mittelbau Dora“ hergestellt worden waren. 12.000 dieser Häftlinge starben dabei an den grauenhaften Bedingungen. Am 5. Juli 1945 übernahm die Rote Armee Nordhausen und das „Mittelwerk“. Sie fanden nur noch geringe Reste der Produktion der „Vergeltungswaffe“. Doch in Nordhausen wurden bis April 1947 die  Raketen rekonstruiert, produziert und letztendlich in die Sowjetunion geschafft. Das verbliebene, d.h. nicht von den Amerikanern rekrutierte Personal der Raketenfertigung gab sein Wissen an die russischen Ingenieure weiter. Wenn überhaupt, so wäre Juri Gargarin ohne das Geschehen in den Nordhausener Werkhallen sicher viele Jahre später in den Orbit aufgestiegen.

MBA Bauernschlepper im IFA-Museum Nordhausen

Maybach-Panzer-Motor

Nordhausen als „Wiege der sowjetischen Raumfahrt“

ziviler Neustart mit dem Traktorenbau

Quellen: Steinmetz, W., Heber, A., Geiger, W.; IFA Nordhausen – 100 Jahre Geschichte. Sonderedition des IFA-Museum Nordhausen e.V.

              Geiger, Wilfried; Vom rustikalen Glühkopfmotor zum modernen Dieselmotor, Geschichte des Motorenbaus in Nordhausen,                  ………..Sonderedition des IFA-Museum Nordhausen e.V., 2021

              Steinmetz, Werner, Institut Nordhausen als Sowjetisches Geheimprojekt A4-Raketen, Sonderedition IFA-Museum Nordhausen e.V.,                2020

              Uhl, Matthias; Operation „Osoawiachim“. Deutsche Raketenspezialisten in der UsSSR 1946 – 1958,                                                              Landeszentrale für politische Bildung, Thüringen, Erfurt, 2020