StartseiteUncategorizedBesuch im IFA-Museum Nordhausen

Endlich habe ich ein paar Tage Urlaub in diesem schlimmen Jahr 2021. Schon lange wollte ich einmal wieder zur Augustusburg, aber die ist seit drei Tagen wegen Corona geschlossen. Sachsen hat zumindest die Kultur heruntergefahren. Die Regierung Thüringens wartet noch mit der Verschärfung der Maßnahmen. Ich rufe kurz in im IFA-Museum Nordhausen an, das ganz oben auf meiner Liste von Museen steht, auf die ich besonders neugierig bin. „Im Moment haben wir geöffnet, aber das kann…“. Ich verspreche mich zu beeilen. An diesem grauen Novembertag bin ich der einzige Besucher. Ich lese jeden Text, mache viele Fotos und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Spannend ist die für die sozialistische Planwirtschaft untypische Situation der Konkurrenz zwischen dem Traktorenwerk Schönebeck und Nordhausen. Ich habe als Lehrling am W 50 gelernt. Am W 50-Motor kenne ich jedes Teil. Doch die meisten Exponate des Motorenbaus habe ich noch nie gesehen. Von manchen habe ich als eine Art Mythos gehört, aber nun bin ich wirklich verblüfft. Die Produktion des Einheitsmotors war gerade in Nordhausen angelaufen, die ersten W 50 in Ludwigsfelde zusammengeschraubt, da konstruierte man schon die ersten Sechszylinder, die den Vierzylinder ablösen sollten. Die meisten der schräg liegenden oder stehenden Fünf-und Sechszylinder wurden nur als Prototypen und Versuchsmuster gebaut. Der „Ministerrat der Greise“ unter der „Führung“ des völlig inkompetenten Günter Mittag erkannte selten oder nie das wirtschaftliche Potential. Einige Motoren wurden in Bussen der Firma Fleischer, in Traktoren, Reifentestfahrzeugen oder schlicht, aber gut getarnt, in W 50 zehntausende Kilometer erfolgreich getestet, so auch der erste Common-Rail-Diesel der Welt. Der fuhr 20.000 Kilometer unerkannt in einem W 50 durchs kleine Land, wo er höhere Leistung bei niedrigerem Verbrauch präsentierte. Heutzutage ist „Common Rail“ das am weitesten verbreitete Einspritzverfahren. Nordhausen konnte von seiner Erfindung aber nicht profitieren. Seit einigen Jahren setzen Daimler, Renault und Caterpillar Eisenkolben in ihren Motoren ein. Die Kugelgraphitkolben waren – 30 Jahre zuvor – eine Entwicklung Nordhäuser Ingenieure in Zusammenarbeit mit der TU Dresden. Einnahmen aus ihren Patenten konnte Nordhausen nicht erringen. Die Treuhand verscherbelte bekanntlich alles an einige „Geschäftsleute“. So wurden auch alle Patente und Unterlagen im Zusammenhang mit dem L60-Motor, wie auch Werkzeuge eines der modernsten Motorenwerke Europas nach Indien verramscht. Die indische Firma Kirloskar baut bis zum heutigen Tag den L 60-Motor weiter. Mit Turbolader und Ladeluftkühlung leistet er rezent 310 PS.

Blick in die Ausstellung im ehemaligen Kultur- und Speisesaal des IFA-Motorenwerkes Nordhausen

5 VD 12,5/12 GRF, niedrigbauender  5-Zylinder-Dieselmotor MN 105, Versuchsmuster

Erster Common-Rail-Diesel der Welt, der MN 106

Einspritzdüsen des IFA-Common-Rail-Diesels

Eisenkolben aus Sphäroguss hergestellt in Leipzig

IFA-Diesel aus Indien KIRLOSKAR 6SL 1500TA G3

Das Museum beherbergt aber auch Raritäten des Traktorenbaus der DDR, die unbedingt dorthin gehören, wie ein Model des Famulus 60, des letzten Nordhäuser Traktors. Der erste Geräteträger der RS 08 „Maulwurf“ ist Insidern in der Agrotechnik ein Begriff. Doch auch der Vorläufer des RS 09 hatte Vorläufer. Einer der von Egon Scheuch entwickelten Mehrzweck-Geräte ist in der Ausstellung im großen Kultur- und Speisesaal des IFA-Motorenwerkes zu sehen. Die Jahre 1946 und 1947 waren in der Industriegeschichte Nordhausen bisher ein „Weißer Fleck“. Die Industriegeschichte endete aber nicht mit dem Abtransport von allem, was mit der Vergeltungswaffe 2 (A 4) durch die Amerikaner zusammenhing. Erst vor kurzem wurde einiges über die Rekonstruktion der Raketen auf dem Gelände der Montania in Nordhausen bekannt. Nordhausen war gewissermaßen eine Art Keimzelle für die Raumfahrt der UdSSR. Es ist kaum zu glauben aber inzwischen gut dokumentiert. Noch weniger passt, vor allem für all die „ewigen kalten Krieger“, DDR und Umweltschutz zusammen. Für das spannende Thema Biogas-Traktoren und Blockheizkraftwerke muss ich ein eigenes Kapitel schreiben, egal ob die Leute das glauben wollen, oder nicht. Ohne Günter Mittag wären wir auch da Avantgarde gewesen!

Modell des Famulus 60 

Unrestaurierter Prototyp des Hausmann-Alu-Traktors

Geräteträger RS 08/15 „Maulwurf“

„Ur-Maulwurf“ von Egon Scheuch

Geräteträger RS 08/15 „Maulwurf“, Detail Zweitakt-Motor, bekannt von F 8 und P 70

Motor „Ur-Maulwurf“ von DKW mit 300ccm

mehr Informationen zu:

Vorgeschichte; Montania > O & K > Maschinenbau und Bahnbedarf AG

VEB Schlepperwerk Nordhausen

VEB Motorenwerk Nordhausen

Der L 60- Motor

Raketentechnik

Biogastechnologie- und Blockheizkraftwerke


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