StartseiteUncategorizedDer Trabant des Eisentischlers

Wer ist kreativ? Viele halten sich für kreativ. Noch mehr wollen wenigstens als kreativ gelten. Bei Vielen äußert sich die Kreativität vor allem in alternativstmöglichem Outfit und Benehmen. Frank Eißlers Kreativität äußerte sich vor allem in dem, was er herstellte. Das war nicht wenig. Schon als Kind habe ich gestaunt. Mein Vater hatte ein Wochenendhaus gebaut, mit den eigenen Händen, das war toll, aber es bestand überwiegend aus Fertigteilen. Das Nachbarhaus wurde vom Zimmermann Frank Eißler gebaut, individuell, schön, praktisch und ganz und gar nicht von der Stange. Er kam mit Brettern, Balken, Nägeln und bald stand es einfach da – 1963. Es steht heute immer noch in der Nähe der Hachemühle und es sieht immer noch schön aus. Nie gab es Baumängel. Er baute bald darauf die erste Finnhütte, die ich persönlich je sah. Ich hätte über sie auch gestaunt, wenn ich ein wenig älter gewesen wäre. Ein Eiffelturm, der durch die Decke geht? Kein Problem für Frank Eißler. Während Gleichaltrige die Rente genießen, baut er eben mal Eiffeltürme. Man kann seine Schöpfungen nicht alle aufzählen.

Ein weiterer Kreativer Leipzigs war Hartmut Thaßler. Jener erschuf nicht nur Rennwagen, wie den HTS, sondern auch unzählige Boote (einige waren beinahe Schiffe) und diverses Gerät für Schausteller. Die Gondeln und Fahrzeuge für „Kotzmühle“ und Geisterbahn müssen aber nicht nur ersonnen, sondern tatsächlich mit künstlerischem Talent gesägt, gehobelt und geschliffen werden. All die Urmodelle für all die Karosserien, die später von der Firma Thaßler aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigt wurden, mussten erst einmal als „Ur-Positiv“ aus Holz hergestellt  werden. So etwas machte Frank Eißler – der Formgeber. Er dachte beispielsweise auch „in Holz“. Die gesamte Vorderradaufhängung eines seiner Auto-Cross Spezialfahrzeuge baute er schnell mal aus dem nachhaltigen Material, um die Achsgeometrie auszuprobieren. Natürlich blieb es nicht beim Holz. Schon bei seinem Trabant-Tourenwagen hatte er diverses Metall bearbeitet ge- und umgeformt. Der Trabi besteht ja nicht nur aus Plaste. Er war Schöpfer diverser Wohnwagen; individuell, groß, schön, allerdings nicht mit einem Trabi von der Stelle zu bewegen. Berüchtigt war sein Motorboot mit einem Achtzylindermotor aus dem sowjetischen Tschaika. Bald wurde in der Zimmerei Eißlers mehr gefräst, geschweißt und  lackiert, als Holz gehobelt. Es entstanden unter anderem aus im Pilgerschritt-Verfahren gezogenem nahtlosem Stahlrohr diverse Autocross-Spezialfahrzeuge, die zu den schnellsten im Ostblock gehörten. Mit einem davon wurde er DDR-Meister und hatte seinen Spitznamen weg; Frank Eißler, der „Eisentischler“. Er machte nie viel Gehabe oder gar Gerede um sein Schaffen. Es musste stets vor allem funktionieren! Sportfreund Eißler ist nicht der Freund großer Worte. Frank ist das Gegenteil von Gequassel. Er baute einen Klappfix-Wohnwagen auf der Basis eines getunten Trabant 1.1. Zusammengefaltet fuhr des Wohnmobil-Unikat auf dem Kurs bei Porsche in Radefeld so manchen Tourenwagen die Zeiten um die Ohren. (Video Trabant Klappfix 1.1)

Der wichtigste Grund für mich überhaupt diese Page zu betreiben, ist, an die Kreativen des DDR-Motorsports zu erinnern, dafür zu sorgen, dass ihre Kreationen und die – meines Erachtens – sehr schöne Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Nun gibt es in Schkeuditz ein Projekt, welches die Leistungen der „Alten“ generationen-übergreifend feiert. Thilo Heitmann baut mit Unterstützung von Markus Tittes und Erik Sperling eine Replik des Trabant-Tourenwagens von Frank Eißler auf. Der „Eisentischler“ erklärt ihnen, die Besonderheiten seines Trabis. Ich hatte und habe Gelegenheit, das Drei-Generationen-Projekt mit all den z.T. Corona-bedingten Unterbrechungen zu begleiten. Ich finde es wundervoll!

Bei den Dreharbeiten lernte ich noch weitere Projekte des Kreativen Markus Tittes kennen, der nicht nur ein guter Schweißer sondern auch Musiker (Techno: einst bekannt im Sax) und Designer ist. Er hat weitere Trabant-Projekte und unterstützt Trabi-Fans u.a. in Frankenberg/Sachsen.

Video Phase I

Frank Eißler-Replik Video: Phase I

Video Phase II

Frank Eißler-Replik Video: Phase II

Zunächst belächelt, dann Publikumsmagnet: Frank Eißler im Trabant-Tourenwagen auf dem Sachsenring, 1976

Die Gebrüder Stiller mit Frank Eißler bei der Siegerehrung des Autocross-Teams. Foto: Archiv Stiller

Ein von Frank Eißler hergestellter Wohnwagen. Foto: A. Haubenreißer

Im Zusammenhang mit den Videoaufnahmen beschäftigte ich mich nun auch ein wenig mit der Disziplin Auto-Cross. Ich traf Aktive, wie Eckhard Stiller und versuchte für ein geplantes Interview mit Sportfreund Eißler ein passendes Auto-Cross Spezialfahrzeug mit Trabantmotor – ähnlich denen, die der Eisentischler damals baute – aufzutreiben. Im „Trabi-Vorratslager“ von Bernhard Hofmann in Delitzsch fand sich ein passendes Exemplar. Zunächst wollten wir es nur für die Dreharbeiten aufhübschen, doch durch Corona und weiteren Unbill verzögerte sich alles, so dass wir nun beschlossen, das Teil richtig neu aufzubauen.

Wir wollten es zunächst nur putzen: Autocross-Spezialfahrzeug mit Trabant-Motor

Das Autocross-Spezialfahrzeug 600ccm wird nun von Grund auf restauriert.


Kommentare

Der Trabant des Eisentischlers — Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.